ATF Dingo in German service ( Afghanistan), tags: deutschland - CC BY-SA

Deutschland bereitet für 2026 den Start eines überarbeiteten Wehrdienstmodells vor

Deutschland nähert sich einer politischen Einigung über die Reform des Wehrdienstes, eine Debatte, die sich nach Russlands Angriff auf die Ukraine deutlich verschärft hat. Verteidigungsminister Boris Pistorius deutete bei einem Truppenbesuch in Münster Anfang November an, dass die Regierung bald ein Modell verabschieden will. Seine Aussagen markieren einen entscheidenden Moment in den Bemühungen, die Schlagkraft der Bundeswehr nach Jahren der Nachwuchsprobleme wiederherzustellen.

Personallücken und sicherheitspolitischer Bedarf

Die Bundeswehr kämpft weiterhin mit einem Mangel an aktivem Personal. Die derzeitige Stärke von rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten liegt unter dem, was Militärplaner für die Landesverteidigung und die NATO-Verpflichtungen für erforderlich halten.

Die Verantwortlichen wollen die Truppe auf etwa 260.000 Aktive aufstocken, unterstützt von einer stärkeren Reserve. Dieses langfristige Ziel, das sich bis Mitte der 2030er-Jahre ziehen dürfte, gilt als entscheidend für Deutschlands Beitrag zur europäischen gemeinsamen Verteidigung und zur Aufrechterhaltung der Abschreckung, solange die geopolitischen Spannungen mit Russland andauern.

Das geplante System setzt zunächst auf freiwilligen Dienst. Nach dem Gesetzentwurf sollen alle Männer, die 18 werden, einen digitalen Fragebogen ausfüllen, in dem ihre Bereitschaft und Eignung für den Dienst erfasst wird. Frauen desselben Jahrgangs bekämen den Fragebogen ebenfalls zugeschickt, eine Antwort wäre für sie jedoch freiwillig. Ab 2028 müssten alle 18-jährigen Männer eine verpflichtende medizinische und Fitnessuntersuchung absolvieren, selbst wenn sie sich nicht freiwillig melden.

Wer die Eignungskriterien erfüllt, könnte anschließend zum Dienst eingeladen werden. Eine Pflichtzeit bliebe als Option bestehen, käme aber nur zum Tragen, falls die Zahl der Freiwilligen nicht ausreicht.

Politische Streitpunkte und Kritik von Fachleuten

Die Christlich Demokratische Union (CDU) und die Christlich-Soziale Union (CSU) stellen den bevorzugten Ansatz der Regierung infrage. Sie plädieren für ein Losverfahren, mit dem eine Pflichtzeit bei Bedarf schnell ausgelöst werden könnte. Pistorius lehnt diesen Vorschlag ab und beharrt darauf, dass die Auswahl nach Fähigkeit und nicht per Zufall erfolgen soll.

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel und andere Analysten warnen, ein freiwilliges System allein werde möglicherweise nicht genug Rekruten bringen. Selektive Einberufungen könnten demnach bis 2027 oder 2028 erforderlich werden, falls die Personalnot anhält und die sicherheitspolitischen Anforderungen steigen.

Auch Jugendverbände zeigen sich besorgt und betonen, die Verantwortung für die nationale Vorsorge dürfe nicht überwiegend auf jungen Erwachsenen lasten.

Die Regierung will den neuen Rahmen am 1. Januar 2026 in Kraft setzen. Trotz weiterhin offener Streitpunkte wird erwartet, dass das Parlament den Entwurf in den kommenden Wochen nachschärft – und damit Deutschlands Verteidigungsausrichtung für eine zunehmend unsichere Zeit prägt.