Deutschland steckt in einer hitzigen Debatte über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, während die Regierung versucht, ihre Streitkräfte neu aufzustellen. Sorgen über Russland und Verpflichtungen innerhalb der NATO (North Atlantic Treaty Organization) heizen die Diskussion an und legen tiefe Gräben in der Regierungskoalition zwischen der konservativen CDU/CSU und der SPD offen.
Der Streit zeigt den Spagat zwischen historischen Vorbehalten gegenüber Militarisierung und dem praktischen Bedürfnis, die Truppenstärke aufrechtzuerhalten.
Uneinigkeit in der Regierung über die Wehrpflicht
Bundeskanzler Friedrich Merz und die CDU/CSU plädieren für eine verpflichtende Lösung, um die Rekrutierungsziele der Bundeswehr zu erreichen, während die SPD auf ein stärker freiwilliges Modell setzt. Eine geplante Pressekonferenz zu einer Einigung wurde wegen Differenzen abgesagt. Frühere Entwürfe sahen vor, dass der Bundestag bei Bedarf junge Männer einziehen kann, doch den Konservativen war das zu unbestimmt; sie beharren auf einem Pflichtdienst. Der aktuelle Vorschlag gilt nur für Männer, weil eine Einbeziehung von Frauen eine Grundgesetzänderung erfordern würde.
Vorgesehenes Losverfahren
Der Kompromiss sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer einen Fragebogen ausfüllen, um ihre Tauglichkeit und ihr Interesse am Dienst zu ermitteln. Reicht die freiwillige Werbung nicht aus, könnte ein Losverfahren Kandidaten für Untersuchungen und Gespräche auswählen; wer gezogen wird, müsste unter Umständen dienen. Über genaue Dienstdauer und rechtliche Auslöser wird noch verhandelt. Das Modell soll Freiwilligkeit und Gerechtigkeit verbinden und zugleich die aktuelle Rekrutierungslücke schließen.
Ziele für den Ausbau der Streitkräfte
Angesichts der NATO-Vorgaben und sicherheitspolitischer Sorgen will Deutschland seine aktiven Truppen von 180.000 auf 260.000 Soldat*innen erhöhen, davon 200.000 Reservist*innen. Die Diskussion über die Wehrpflicht spiegelt die grundsätzliche Frage wider, wie Einsatzbereitschaft gesichert werden kann, ohne die öffentliche Meinung und historische Sensibilitäten zu ignorieren. Umfragen zeigen, dass knapp mehr als die Hälfte der Bevölkerung irgendeine Form von Wehrpflicht befürwortet, während gerade jüngere Generationen skeptisch bleiben. Die Regierung muss die Truppe stärken, ohne dabei das Vertrauen der Öffentlichkeit zu verspielen.